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Die Grundsätze und der Wahlspruch
der Burschenschaft Germania
Die urburschenschaftliche Bewegung war nach der Zerschlagung der napoleonischen Militärdiktatur und mit der Übernahme des demokratischen Gedankengutes der Französischen Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts an den deutschen Universitäten ausgelöst worden. Sie war philosophisch durch den Humanismus, eine abendländische Geistesbewegung des Aufklärungszeitalters, vorgeprägt. Diese hatte das Idealbild des freien Menschen mit seinen besonderen persönlichen Prägungen in der Antike gefunden.
Darüber hinaus fand die burschenschaftliche Bewegung des 19. Jahrhunderts ihren gefühlsbetonten Ausdruck in der deutschen Romantik. Das kam in vielen Versen und Liedern deutscher Dichter zum Ausdruck. Ein nachhaltiger Höhepunkt entstand in dem „Lied der Deutschen“ von Ernst Moritz Arndt.
Auf dieser geistigen Grundlage entstanden unter vielen anderen studentischen Zusammenschlüssen die Burschenschaften. Sie setzten sich vornehmlich für das politische Schicksal der Deutschen im 19. Jahrhundert ein und kämpften insbesondere für die Einführung des freiheitlich-demokratischen Prinzips. Unter solchen Vorgaben bildete sich, trotz obrigkeitlicher Verbote und Verfolgung, in Gießen eine burschenschaftliche Vereinigung „Germania“.
Sie gab sich in Erinnerung an die Freiheitskriege die Farben
Schwarz - Rot - Gold.
Ihr Wahlspruch lautete: Gott - Ehre - Freiheit – Vaterland
Später erfolgte die Gründung der heutigen Gießener Burschenschaft Germania am 14.08.1851.
Farben und Ideen des Wahlspruches sind bis heute unverändert geblieben. Form und Gestaltung des Bundeslebens haben sich im Laufe der Zeit gewandelt und sind den jeweiligen Verhältnissen angepasst worden.
Geblieben ist bis heute der Wahlspruch von 1851, wenn auch in veränderter Reihenfolge der Begriffe, unter denen die Freiheit eine besondere Betonung finden sollte:
Gott - Freiheit - Ehre - Vaterland
Der Zusatz „Leben und Streben dem Vaterland“ wird heute nicht mehr geführt, obgleich die Bedeutung dieses Begriffes nach wie vor hochgehalten wird. Denn: „Was gut und ewig ist an unseren Ideen, kann und darf nicht untergehen“. Daran ermahnte uns unser beliebter und um den Bund hochverdienter Bbr. Dr. Hans Schneider (Landgerichtspräsident, 1874-1961).
Im folgenden werden diese Ideen erläutert, wie es in der Verfassung des Bundes vom 14.12.1996 beschlossen worden ist. Anschließend werden sie einer sinngemäßen Erläuterung unterzogen.
Gott: „Die Vorstellung von Gott bedeutet Bindung des Menschen als Individuum sowie als Teil der menschlichen Gesellschaft und ihrer Umwelt an Schöpfung und höhere Macht, aus der sich die Verpflichtung zur Erhaltung und Fortentwicklung aller Werte ergibt. Sie bildet zugleich die Grundlage der lebenslangen Zugehörigkeit zum Bund und seiner dauerhaften Existenz.“
Der Bezug zum Gottesbegriff im Wahlspruch beruht auf einer besonderen Tradition der Germania. Neben nur wenigen Burschenschaften in der DB ist der Begriff „Gott“ an die erste Stelle im Wahlspruch gesetzt worden. Er wurde damit in einen übergeordneten Zusammenhang mit den Begriffen Freiheit, Ehre, Vaterland gebracht. Der Gottesbegriff begründet die Vorstellung, dass die Bundesbrüder ihr Leben lang und darüber hinaus miteinander verbunden sind und bleiben. Auch die, die vorher waren, leben in ihnen und mit ihnen weiter. Er verpflichtet gleichermaßen dazu, die Ideen des Wahlspruchs so weiterzugeben, wie sie übernommen worden sind.
Das gilt für gute und für schlechte Tage. Aus den tiefsten Notzeiten unseres Vaterlandes ist uns der Ruf überliefert „Gott mit uns“. Aber auch in der heutigen Zeit, in der wir zwar in Frieden leben, lauern den Menschen Gefahren auf, zu deren Überwindung Gottes Hilfe sehr vonnöten ist. Überbetonter Materialismus und alle ethischen Werte zerstörender Nihilismus sind die bedenklichen Merkmale unserer Tage. Es ist die Bindung an Gott, die den inneren Halt gibt, sich im Sinne des burschenschaftlichen Ehrbegriffes und gestärkt durch die Kraft der inneren Freiheit mutig und ohne Angst in dieser Welt bewähren (Bbr. Wilhelm Bergér, Oberkirchenrat i.R. „Das Wort Gott in unserem Wahlspruch“). Den Weg zu Gott zu finden, ist jedem Bundesbruder selbst überlassen. Doch es liegt nahe, eine abendländisch-christliche Erziehung vorauszusetzen, da eine solche sich am ehesten mit den übrigen Ideen des Wahlspruches vereinen lässt.
Zum Pfingstfest 2000 wurde in der Nicolaikirche zu Lemgo, Westfalen folgender Konfirmationsspruch verkündet (sinngemäß):
„Gott ist geistige Kraft, wo aber der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“
Freiheit: Freiheit im höheren Sinne ist eine Eigenschaft des Menschen, die ihm besondere Fähigkeiten verleiht. Diese gilt es zu erlangen, zu erlernen und zu pflegen. Sie ermöglicht es, im Sinne der eigenen Persönlichkeitsentfaltung Entscheidungen zum Wohle der Gemeinschaft zu treffen. Unabdingbare Voraussetzung für die Inanspruchnahme von Freiheit ist die Übernahme von Verantwortung für die aus der Entscheidung sich ergebenden Folgen.
Über Freiheit zu singen ist leicht, sie richtig zu verstehen und zu verwirklichen ist schwer.
Cicero hat in seiner Staatsphilosophie bereits vor tausend Jahren darauf hingewiesen, dass der Umgang mit der Freiheit, wenn sie von den Menschen falsch verstanden wird, schwerwiegende Folgen haben könne. Sie sei zwar Voraussetzung für die Einführung einer demokratischen Staatsform, enthalte aber die Gefahr der Entartung und letztlich der Diktatur.
Burschenschaftliches Anliegen war vom Ursprung her die Erringung der Freiheit in Verbindung mit der Einführung der Demokratie. So war es in den Forderungen der 1848er Erhebung zum Ausdruck gebracht worden. Der erste Versuch einer solchen Staatsform entstand in Deutschland in der Weimarer Republik. Dieser aber scheiterte, mündete ein in die nationalsozialistische Diktatur und endete im Chaos des zweiten Weltkrieges. 1949 wurde eine neue freiheitlich-demokratische Verfassung im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschlossen. Darin waren die Freiheitsrechte der Menschen in einem Grundrechtskatalog abgesichert. Man war stolz auf den Sieg der Demokratie, an dessen Erringung die deutschen Burschenschaften einen nicht unerheblichen Anteil hatten. Es war damit der Rahmen und der Raum für die Ausübung von Freiheit geschaffen worden.
Den Menschen wurden Rechte garantiert, die sie ungehindert ausüben können. Das sind persönliche Rechte, z.B. der Erziehung, der Religionsausübung, der freien Meinungsäußerung und die Freiheit der Presse, um einige wichtige zu nennen.
Doch mit der Einräumung von Freiheit beginnen unbequeme Bedingungen wirksam zu werden, die an ihre Inanspruchnahme geknüpft sind. Die ersten Fehler wurden und werden bis heute gemacht, wenn bei entstehenden Schwierigkeiten im Gemeinwesen als erstes der Staat um Hilfe angerufen wird.
Anstatt aus eigener Kraft eine verantwortliche Entscheidung zu treffen, wird diese auf den Staat abgeschoben oder die Allgemeinheit damit belastet. Dieser Weg bedeutet eine Abhängigkeit von einer immer größer werdenden Flut von die Freiheit einengenden Gesetzen, also vom Staat und führt letztlich in die Diktatur. Der rechte Weg zur Freiheit ist deshalb unbequem, weil er höhere Ansprüche an die Person stellt. Je größer nämlich der Freiheitsraum und der Bereich der eingeräumten Freiheitsrechte ist, desto größer muss die Verantwortungsbereitschaft des einzelnen Bürgers sein, für die Folgen aus diesen Rechten persönlich aufzukommen. Damit wird der Mensch in seiner psychischen Substanz berührt, weil es seine Gefühle, sein emotionales Verhalten betrifft. Konkret heißt das: es wird der eine bei seiner Entscheidung durch ängstliches Zaudern, Feigheit und Egoismus eingeengt und ist dadurch gehemmt, also nicht innerlich frei. Bei derselben Entscheidung fasst sich ein anderer ein Herz, hat Mut, also das Gegenteil von Angst und „ist so frei“, die daraus fließende Verantwortung bereitwillig auf sich zu nehmen. Ein vernünftiges Denken führt dazu, die richtige Gefühlseinstellung zu finden und damit der Freiheit, „die ich meine“ immer näher zu kommen. Im bundesbrüderlichen Miteinander auf dem Hause gibt es reichlich Gelegenheit, Freiheit zu üben.
Der erste Schritt ist auch im Bund, dass genügend an Freiheitsraum geschaffen wird („gebt Gedankenfreiheit“, Schiller: „Die Räuber“). Ein Ordnungssystem in Form einer Satzung ist natürlich für den formalen Ablauf des Bundeslebens erforderlich. Aber sie muss sich auf das Notwendigste beschränken, so dass für eine freiheitliche Entfaltung noch genügend Raum gegeben ist. Auch die DB führt die Freiheit als höchstes Gut in ihrem Wahlspruch. Dazu passt es aber nicht, wenn sie ihren Mitgliedern die Eigenverantwortlichkeit durch allzu eng gefasste Regularien zu beschneiden versucht. Große Verantwortung ist mit der Aufnahme neuer Mitglieder in die Germania verbunden. Das müssen vor allem die Bundesbrüder fühlen, die die Frage zu beantworten haben: Passt er in den Bund? Auch hierbei müssen natürlich Satzungsvorschriften zugrunde gelegt werden (§ 3 (1-3) der Satzung vom 14.12.1996). Aber die letzte Entscheidung muss in Freiheit erfolgen, vor allem, wenn es sich um Ausnahmen von der Regel handelt. Die gewissenhafte Pflege der Idee der Freiheit muss das Anliegen aller Bundesbrüder sein. Das beginnt mit der Einführung der Füxe in das Bundesleben. Dabei hat allerdings der Fuxmajor eine besonders verantwortungsvolle Erziehungsaufgabe (§ 17 (1) d. Satzung vom 14.12.96). Wenn Vorschriften und Anordnungen im Gemeinschaftsleben auch notwendig sind, so werden sie oftmals doch als Druck oder gar Zwang unangenehm empfunden. Das spürt jedoch der Mensch nicht so sehr, wenn er frei ist (Schiller: „... und wenn man mich in Ketten legte, so bin ich doch frei“). Auch um sich in der Gemeinschaft in führender Position durchzusetzen, sind Druckmittel keine guten Ratgeber, weil sie Widerstand hervorrufen. Dazu eignet sich viel besser Freiheit, die den inneren Druck nicht kennt, zu klarem Selbstbewusstsein führt und Überzeugungskraft auslöst. Damit fällt es auch leicht, den § 7 (1,2) der Satzung zu erfüllen, der auf das richtige Verhalten der Mitglieder im Bund gerichtet ist.
Die Droge ist das schlimmste Mittel unserer Zeit, die freie, selbstbewusste Persönlichkeit zu zerstören. Das Bier, mit Maß getrunken, gehört wohl nicht dazu. Damit erfüllt sich der Bildungsauftrag unseres Bundes, wie er im Zeichen der Freiheit gesehen werden kann. Wie schwer, aber auch wie schön diese Aufgabe ist, hat Max von Schenkendorf schon 1813 in seinem Lied geahnt:
„Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt,
komm' mit deinem Scheine, süßes Engelsbild!
Magst du nie dich zeigen der bedrängten Welt?
Führest deinen Reigen nur am Sternenzelt?“
Damals am Anfang der burschenschaftlichen Bewegung, war es noch so: Freiheit stand noch in den Sternen. Inzwischen bemühen wir uns, sie vom Himmel zu holen und uns zu eigen zu machen.
Ehre: „Ausgehend von der angeborenen Selbstachtung führt der Ehrbegriff zu einer ethisch-moralischen Wertschätzung der Mitmenschen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln, die Toleranz erfordert. Ehre gründet auf dem Streben nach Verantwortung, sie wird gewährt durch die Mitmenschen, und sie erfordert das aktive Eintreten für die unveräußerliche Würde des Menschen. Im Streben nach dem guten Beispiel im Umgang miteinander entsteht das Vorbild“.
Anfangs stand im Wahlspruch der Germania das Ideal der Ehre vor der Freiheit. Es wird nach Gott besonders hoch gewertet. Doch erfuhr es im Laufe des 19. Jahrhundert eine irreführende Abwandlung im studentischen Korporationswesen, die in „Ehrenhändeln“ und „Unbedingter Satisfaktion“ ihren Ausdruck fand. Es entstand ein „falsches Ehrgefühl“, und es wurde Missbrauch mit dem Ehrbegriff betrieben (Festschrift zum 50-jährigen Stiftungsfest der G.B. Germania, Seite 14).
Die Unbedingte Satisfaktion war zur Gründungszeit der Germania noch „zeitgemäß“, ist später aber in Frage gestellt und dann abgeschafft worden. Dagegen wurde der Zweikampf in Form der Bestimmungsmensur von Anfang an sehr hoch eingeschätzt und ist bis heute in der geltenden Satzung fest verankert( § 4 ( 1 )).
Auffassungen und Gepflogenheiten sind dem Wandel unterworfen. Deshalb ist der Ehrbegriff von seiner ursprünglichen Bedeutung her als ethisch-moralisches Merkmal der klassischen abendländischen Philosophie zu erläutern. Nach Aristoteles ist nur das „ehrenwert“, was in der Tat „gemeinnützig“ ist, also den Mitmenschen nützt und durch sie Anerkennung findet. Allerdings, so führt Immanuel Kant diesen Gedanken weiter, verdient derjenige eine solche Anerkennung, also Ehre, nicht, der nur handelt, um „sich selbst Anerkennung zu verschaffen“. Sie ist dann nicht ehrlich verdient, führt zu falscher Selbsteinschätzung und kann in egoistischer „Ehrsucht“ und gar Arroganz enden.
Der Weg zu innerer Ausgeglichenheit und Bescheidenheit, zur Toleranz, die andere gelten lässt, ist versperrt.
Es erhebt sich die Frage, ob die Vorbildfunktion, die vom burschenschaftlichen Ehrbegriff ausgehen soll, durch die Mensur erfüllt werden kann. Sie mag zwar vorbildlich unter den am Fechten beteiligten Bundesbrüdern wirken und übt zweifellos eine stark bindende Kraft untereinander aus.
Diese Vorzüge lösen sich aber auf, sobald das Prinzip aus der Internität herausgetragen wird. Außenstehende können den Wert des Fechtens nicht ermessen, weil sie es nicht erlebt haben. Damit fehlt diesem Ehrbegriff eine Vorbildfunktion, die Allgemeingültigkeit hat.
Es entfällt damit auch die Vorstellung, dass es für den Burschenschafter einen besonderen Ehrbegriff gibt. Wenn die Ehre in seinem Wappen steht, verpflichtet er sich, nicht nur seinen Bundesbrüdern, sondern gegenüber der gesamten Gemeinschaft Vorbild zu sein. Die Voraussetzung für die Ehre, nämlich die Würde, ist allen Menschen zugesichert und zu einem unverletzlichen Grundrecht erklärt worden (GG Art. 1 (1,2)). Deshalb ist auch die Ehre jedermann zugänglich, nur muss sie zusätzlich verdient werden. Darauf hin ist im Bund der erste Schritt zu tun. Er besteht nicht etwa darin, nur auf andere und deren ehrenrührige Beispiele zu verweisen, sondern ihnen zunächst mit Verständnis und Toleranz zu begegnen und dagegen das eigene Vorbild aufzubauen. Wer die Welt verändern will, darf nicht bei den anderen, sondern muss bei sich selbst anfangen.
Der Weg zur Toleranz führt über die Freiheit. Zurecht ist deshalb dieser Begriff in unserem Wahlspruch vor die Ehre gestellt worden. Freiheit in Verantwortung macht Mut zur Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit. Mit im Bunde der Ehre befindet sich die Wahrheit, dagegen ist ihr schlimmster Feind die Lüge. Sich in den Tugenden zu üben, gibt es ausgiebig Gelegenheit im täglichen Umgang miteinander. Es liegt aber auch nahe, die Alten Herren aufzufordern, Vorbildlichkeit vorzuleben, wie die Präambel der geltenden Satzung es fordert. Oder mit anderen Worten „wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen“. Als jüngstes Beispiel sei die vorbildliche Zusammenführung von Alt und Jung zu der gemeinsamen fröhlichen „Silvester-Party 2000“ auf dem Haus erwähnt.
Bei solcher Gelegenheit wird allen Beteiligten auch bewusst, dass zum harmonischen Bundesleben nicht nur junge und alte Bundesbrüder gehören. Es sind daran auch die Damen beteiligt. Ihnen wurde schon immer eine große Ver-Ehrung entgegengebracht. Sie waren zwar nie Mitglieder des Bundes, wollen es auch gar nicht sein, weil das nicht dem Wesen einer Burschenschaft entspricht. Aber als Bundesschwestern gehören sie zum Bund, weil sie das burschenschaftliche Ideengut mit tragen und damit den Bundesbrüdern treu zur Seite stehen. Durch unsere Damen gehört „zum Ernst unseres Tuns“ die „Freude des Lebens“.- Ob wir uns immer „ehrenhaft“ betragen, lassen wir dahingestellt, bei Gelegenheit werden sie es uns schon sagen.
Vaterland: „Das ist zunächst die angestammte Heimat der Deutschen, mit der diese sich durch die gleiche Sprache, durch Kultur, Geschichte, Tradition und Brauchtum in einer völkischen Gemeinschaft verbunden fühlen. Daraus ergibt sich die Verpflichtung, durch eine staatliche Ordnung und Staatsgrenzen diese Werte zu schützen, zu fördern und zu verteidigen. Die Grenzen sind offenzuhalten, nach innen und nach außen, zur Teilnahme des deutschen Volkes an der Gemeinschaft anderer Völker, zur internationalen Zusammenarbeit und zur Erhaltung des Friedens.“
„Vaterland“ in unserem Wahlspruch als das Land der Väter verbindet sich mit dem Namen unserer Verbindung „Germania“.
Nach römischer Geschichtsschreibung wurden die Gebiete östlich des Rheines und nördlich der Donau von germanischen und verwandten Volksstämmen besiedelt, die sich sprachlich und kulturell im Laufe der Jahrhunderte näher kamen und sich als „Deutsche“ bekannten. So ist der Begriff Vaterland ursprünglich als eine Idee zu verstehen, die späterhin die Sehnsucht auslöste, die verschiedenen deutschen Stämme in einem „Deutschland“ zu vereinigen.
Die Idee vom deutschen Vaterland hat im Laufe der Geschichte zu einem Nationalgefühl der Deutschen geführt.
Allerdings sind alle Versuche, eine endgültige einheitliche „Deutsche Nation“ mit staatlicher Ausprägung zu gründen, immer wieder fehlgeschlagen und über kurz oder lang in der Geschichte versunken. Unverändert geblieben ist dagegen die Vaterlandsidee. Sie lebt seit eh und je, ungeachtet jeder politischen Willkür, in den Herzen der Deutschen, und von da vermag sie keine Macht der Welt zu verdrängen, solange „die Flamme brennt“. Auf diese Idee war die politische Sehnsucht der Deutschen und darunter vor allem der Burschenschafter gerichtet, wenn sie sangen „Deutschland, Deutschland über alles ...!“ und „so weit die deutsche Zunge klingt ...“. Auch der Wiedervereinigung 1989 lag bei allem politischem Bemühen vornehmlich der Wille der Deutschen zugrunde: „Wir sind ein Volk“. Ebenso ist die Rückführung der deutschstämmigen Menschen aus Russland und anderen Ländern nicht nur ein staatlicher Akt, sondern ebenso eine vaterländische Bewegung.
Das Vaterland zu schützen und zu verteidigen, ist immer eine vorrangige burschenschaftliche Aufgabe gewesen. Diesem Gedanken liegt ein natürliches, gottgewolltes Ordnungsgefüge zugrunde, in welches Begriffe wie Heimat, Elternhaus und Schule, Familie und Kinder einbezogen sind. Wenn es auch, wie in vergangenen Zeiten, nicht mehr notwendig erscheint, diese Werte im Krieg zu verteidigen, so liegt es doch nahe, vom Bundesbruder den Dienst mit der Waffe in der Bundeswehr oder einen vergleichbaren Einsatz zur Sicherung des Friedens oder zur Übernahme sozialer Pflichten zu erwarten.
„Wir müssen der Gegenwart leben, wir müssen Form und Inhalt stets neu gestalten, aber aus dem alten, gesunden Geist heraus in die Zukunft blicken.“ (Bbr. Wilhelm Georg Heckmann, 1893 - 1974, Festrede zum 115. Stiftungsfest).
An dieser Stelle sei der vaterländische Begriff Heimat angesprochen. Viele Deutsche wurden, bedingt durch nationale Repressionen, aus dem Sudetenland vertrieben. Dieser Verstoß gegen das international verbürgte Grundrecht auf die angestammte Heimat wurde von höchsten politischen Instanzen auf deutscher Seite sogar noch sanktioniert. Was Wunder, dass sich dagegen die Seele der Menschen empört und feindselige Gefühle geweckt werden.
In diesen Rahmen gehört auch der Schutz von Ehe und Familie. Es muss uns warnend bewusst werden, dass sich in der Gesellschaft Kräfte rühren, die die Grundlagen für eine gesunde Entwicklung im Volke auszuhöhlen versuchen, indem homosexuelle Partnerschaften der natürlichen Ehe gesetzlich gleichgestellt werden sollen.
Ebenso alarmierend ist es für den Burschenschafter, wenn in der internationalen politischen Entwicklung die sogenannte „Globalisierung“ auf Kosten nationaler Gefühle angestrebt wird. Natürlich hat auch Deutschland in einer Europa-Union mitzuwirken. Aber das darf nicht zu falschen Schlüssen führen. Voraussetzung für eine Beteiligung ist die Bewahrung der eigenen Identität, wie es jeder tut, der etwas auf sich hält. Es ergeht dem Volke wie dem einzelnen Menschen: wer nicht zuerst sich selbst achtet mit seinen Stärken und Schwächen, erst Europäer sein will und irgendwie auch noch schuldbeladener Deutscher, gilt im Angesicht der anderen als charakterschwach und ist niemand. Zu einer sinnvollen Mitarbeit in einem globalisierten internationalen Zusammenschluss der Staaten gehört ein achtunggebietendes Selbstbewusstsein der Partnervölker. Darin sind die Deutschen schwach. Sie haben ja noch nicht einmal ein nationales Ehrenmal zum Vermächtnis der fürs Vaterland Gefallenen mit einer ewig brennenden Flamme errichtet, wie es für andere große Nationen selbstverständlich ist. Das Germanenhaus in Gießen ist für die Bundesbrüder ein Stück Vaterland. Zur feierlichen Grundsteinlegung des Hauses im Jahre 1900 wurden von unserem bedeutenden Bundesbruder Hermann Haupt (1854 - 1935) der Germania die Worte auf den Weg gegeben:
„Als Leitstern möge ihr gelten:
das Vaterland über alles!“
(Festschrift zum 50-jähr. Stiftungsfest).
In diesem Hause, dem lokalen und geistigen Mittelpunkt der Germania, sind die Bundesbrüder seitdem herangewachsen und haben dort ihre Ideen geprägt. Hier ist auch in Zukunft die Basis für die Bildungsarbeit im Zeichen unseres Wahlspruchs zu sehen. Vor hier gehen die Bundesbrüder hinaus an ihren Platz im Leben, mit der Frage im Herzen: was kann ich tun,
„... dass dem Vaterland ich nütze,
wie's die Väter schon gewollt ...“.
Von jeher wollten sie eine Demokratie, ein Vaterland in Freiheit, das nicht länger von der „Obrigkeit“ bevormundet wird. Sie wollten ein einiges Deutschland, das durch Mitwirkung des ganzen Volkes seine politische Gestaltung erfährt. Und das ist der Auftrag an die Germania, „den die Väter schon gewollt“: Wir sollen, unseren Wahlspruch vor Augen, hineinwirken in die Gesellschaft, zunächst in die Familie. Von da erweitert sich das Feld auf die Nachbarschaft, den Freundeskreis, den Beruf, die Vereine wie Heimat-, Gesang-, Wanderverein usw.. Eine Verbreitung burschenschaftlichen Ideengutes auf diesem Wege kann zu größeren Erfolgen führen als eine entsprechende parteipolitische Orientierung. Denn die entspricht nicht unbedingt der „political correctness“, wie das heute heißt.
Nachsatz zum Wahlspruch
„Der Wahlspruch bildet eine gedankliche Einheit.
Er bestimmt das Leben und Streben des Bundesbruders im Bund und in der Gesellschaft“.
Im Vertrauen auf Gott werden die Ideen des Wahlspruches in uns lebendig. Denn zur inneren Freiheit gehört Mut, der das Verantwortungsbewusstsein stützt. Mit der Fähigkeit zur Freiheit aber ist der Weg zur Erlangung von Ehre offen. Diese drei vereint, machen den Dienst am Vaterland zur burschenschaftlichen Aufgabe, die es vorbildlich in der Gesellschaft zu erfüllen gilt. Freiheit und Ehre sind den Menschen nicht geschenkt, sondern zu erlernende persönliche Fähigkeiten, ohne die eine gute Demokratie auf die Dauer nicht bestehen kann.
„Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Vaterland ...!“
„Vaterland du Land der Ehre ...
Gott im Himmel hör's auch du“
So wie wir diese Werte in unseren Liedern besingen und feiern, so müssen wir auch leben und handeln, wenn wir als Burschenschafter in der Gesellschaft geachtet werden wollen. Die Demokratie hat ihre Basis in der Fähigkeit ihrer Bürger zu Freiheit, denn die „äußere Freiheit der vielen lebt von der inneren Freiheit der einzelnen“ (Theodor Heuss).
Die heutigen Verhältnisse aber zeigen, dass von der politischen und wirtschaftlichen Führung das ehrenhafte Vorbild nicht immer zu erwarten ist. Darunter leidet das allgemeine Demokratieverständnis, weil den Menschen das Vorbild fehlt. Das muss unsere Aufmerksamkeit herausfordern und unsere politischen Kräfte im Bund mobilisieren, denn „wir haben ein demokratisches Defizit und brauchen eine bessere demokratische Kultur“. (Bbr. Horst Menzinger, derz. Vorsitzender des AHV der Germania).
Diese schöpfen wir aus den Leitideen unseres Wahlspruches und erstreben die Formung eines Persönlichkeitsbildes, das diese in sich vereinigt und die persönliche und politische Haltung bestimmt.
Wie im demokratischen Gemeinschaftsleben, so treffen auch im Bundesleben die krassesten Gegensätze, bedingt durch Alter, Herkunft, Landsmannschaft, Beruf, politische Ansichten usw. aufeinander. Sie beruhen meistens auf Äußerlichkeiten und entstehen im Kopf. Im Bund werden diese Gegensätze nicht nur durch unsere Farben und die rote Mütze, sondern besonders durch die Gemeinsamkeit des Wahlspruches zu einem Miteinander, in welchem die unterschwelligen individuellen Gegensätze eher als eine Bereicherung des Bundeslebens toleriert werden sollten. Auf diese Weise wird der Bund zu einer hohen Schule der Demokratie. Die akademische Berufsausbildung durch die Fakultät findet eine notwendige Ergänzung, die sie selbst bei aller wissenschaftlicher Qualität nicht zu bieten vermag. Damit wird die in der Präambel der Satzung der Germania erhobene Forderung erfüllt, nicht nur „als Mitglied der akademischen Gemeinschaft das Studium gewissenhaft und ordnungsgemäß zu betreiben“, sondern daneben „die Persönlichkeitsbildung und Ausprägung als akademische Führungskraft im späteren Beruf in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter wahrnehmen zu können“. Persönlichkeitsbildung vollzieht sich im Gefühlsbereich des Menschen, durch den er zusammen mit seiner Denkfähigkeit erst zu einer bildungsfähigen Ganzheit wird. Die Gefühle, eben auch die vaterländischen, kommen demnach „von Herzen“, wie es im landläufigen Sinne heißt. Und so drückte es einer unserer leidenschaftlichsten überzeugtesten, und bis zu seinem Ende treuesten Bundesbrüder aus: „Nur wer die Herzen bewegt, bewegt die Welt“ (Bbr. Ludwig Gebhardt, 1891 - 1986).
Hans Menkens
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